Der erste Teil der historischen Reise in die Anfänge des Dorfes Waigandshain endete mit der Erwähnung der vier niedergegangenen Siedlungen Zahlbach, Winterum, Waldhausen und Breidenbach, die neben Waigandshain lagen und diesem ähnlich, im 14. Jahrhundert zuerst Erwähnung fanden, aber wahrscheinlich auch schon vorher existierten. Im Laufe des 16. bis Anfang des 17. Jahrhunderts wurden diese vier Siedlungen von ihren Bewohnern verlassen. Zahlbach lag unterhalb des Dorfes Waigandshain über der Nister, Richtung Zehnhausen. Um 1923 berichteten Waigandshainer Bürger dem damaligen Lehrer Peter glaubhaft, dass sie beim Ausgleichen von Wiesen in Zahlbach Fundamente eines noch ziemlich erhaltenen Backofens aufgedeckt hätten. Dabei hätten auch Töpfe, Dolche, und anderes gelegen. Die Siedlung Waldhausen lag 1,5 km nordöstlich von Waigandshain ‚bei dem Werholtz‘ am Weg zur Fuchskaute, wo später die Viehweide bestand. In den 1950er Jahren erzählten die Bewohner von Waigandshain Peter Jung eine Geschichte, nach welcher die Leute von Waldhausen nach einer Legende in einer Höhlung des stummen Baumes (‚Stomm Baam‘) Goldschätze versteckt hatten. Winterum (Winterhen) befand sich oberhalb der Bundesstraße zwischen Rehe und Emmerichenhain, etwa 750 Meter südwestlich von Homberg. Die Endsilbe ‚hen‘ spricht für eine umhegte Siedlung aus dem 12. Jahrhundert. Am längsten bestand wohl die Siedlung Breidenbach auf einer großen Wiesenflur, etwa 600 m nordöstlich von Emmerichenhain, unterhalb des Waigandshainer Weihers. Die letzten Erben und Eigentümer der Güter waren um 1621 nach Emmerichenhain umgezogen.[1],[2],[3],[4],[5] In dem Gebiet der heutigen Gemarkung blieb einzig die Siedlung Waigandshain übrig.
Alte Aufzeichnungen sprechen dafür, dass auf dem Hohen Westerwald vor einem halben Jahrtausend mehr losgewesen sein konnte als heutzutage. Nach dem Zerfall des Römischen Reiches und der späteren Machtübernahme und geplanten Besiedlung des Westerwaldes durch fränkische Herrscher bauten diese die bereits angelegten Handelsrouten der alten Kelten und Römer weiter aus. Sie nutzten die Straßennetze zur Organisation der Verwaltung und Kontrolle ihres großen, nassauischen Reiches. Aus Sicherheitsgründen verliefen die alten Völker-/Heerstraßen nicht durch die Täler, sondern über die Höhen, nicht nur wegen des guten Überblicks, sondern auch wegen deren Trockenheit, die die Wagen und Zugtiere besser voranbrachten. In den Tälern an den flachen Bach- oder Flussübergängen, die ‚Furt‘ genannt wurden, wechselten die überregionalen Verkehrsrouten die Gewässerseiten, um dann wieder auf den nächsten Höhenzug aufzusteigen. Einige der bedeutendsten Fernstraßen durchzogen den Hohen Westerwald. Sie waren damals stark belebt. Sie dienten neben den Kaufleuten und den Soldatenheeren, den Wallfahrern, Studenten, Handwerksburschen, Hausierern, Gauklern, Markttreibenden, den herrschaftlichen Kurieren und Postreitern, aber auch den Straßenräubern. Manche Herrscher und königlich Beauftragte erhoben an ihren Rändern Mautgeld, andere Straßen- und Wegezölle, Einheimische leisteten an Anhöhen schwer beladenen Wagen Vorspann mit ihren Zuchtpferden.[6]
Die bedeutendste Ost-West-Verbindung seit dem Spätmittelalter war die Köln-Leipziger-Straße, im östlichen Verlauf auch Brabanter Straße und Rennweg genannt. Der Warenverkehr aus dem rheinischen Gebiet für die Messen in Leipzig wurde über diesen Handelsweg geleitet. Die Fernstraße kam von Antwerpen, führte über Lüttich nach Köln und von dort über den Westerwald Richtung Marburg und weiter bis nach Leipzig. Den gleichen Weg in umgekehrter Richtung nahmen die Handelskolonnen, wenn eine Messe in Köln gehalten wurde. Vom Verkehrsknotenpunkt Salzburg führte sie, unter der Fuchskaute vorbei, über Driedorf nach Herborn, von dort nach Marburg, zur Amöneburg, dann über Hersfeld und Erfurt bis Leipzig. Auf dem Westerwald entspricht sie in etwa der B 414. Die Ortsdurchfahrt Salzburg trägt noch immer den Namen Köln-Leipziger-Straße.
Am Salzburger Kopf traf die Siegener Landstraße (heutige B 54) mit der genannten, von Siegburg herkommenden Köln-Leipziger-Fernstraße zusammen. Sie führte von dort aus nach Südosten über Zehnhausen, Emmerichenhain, Rennerod, Irmtraut, weiter über Hadamar, Limburg bis Wiesbaden, Mainz und wurde auch Mainzer Landstraße genannt. Vom Salzburger Kopf nach Norden führte die Straße über Burbach, Siegen nach Münster, dann ins Niederländische Enschede, weiter bis an die Nordsee nach Groningen, wo die Nassauer Fürsten als Statthalter tätig waren.
Am Straßenknoten Salzburger Kopf führte aus fränkischer Zeit als weitere wichtige Ost-West-Zubringer-Straße vom Rhein über Selters kommend, die Rheinstraße vorbei, weiter über Zehnhausen, Emmerichenhain, Driedorf, Breitscheid, Haiger, Gladenbach bis nach Oberhessen.
Sie traf am nächsten wichtigen Verkehrsknotenpunkt in Driedorf mit der von Köln kommenden, über Weilburg nach Frankfurt verlaufenden Hohen Straße zusammen, die ein Teil der alten Römerstraße Via Publica war, die Brüssel und Prag verband.
An den großen Fernstraßen, besonders an den Verkehrsknotenpunkten, ließen die Könige und Kaiser des Mittelalters von ihren Vasallen Festungen erbauen zur Sicherung der Straßen und zu Zollerhebungen. Die Landesherren erhoben von den durchziehenden Kaufleuten Wegezoll (Zollstätten gab es in Emmerichenhain und Neukirch) und forderten Geleitgeld. Es ist aber auch vorgekommen, dass die ‚begleitenden Ritter‘ sich als Räuber entpuppten und Kaufleute um ihr Geld und Gut brachten (Genaueres im nächsten Teil). Dicht am Verkehrsknotenpunkt Salzburger Kopf lag in frühkarolingischer Zeit der Königshof Neukirch. Die trutzige Neukirch scheint nicht nur Gotteshaus, sondern auch Wehranlage gewesen zu sein. Ihr Alter ist nicht bekannt, es könnte aber über 1100 Jahre betragen.[7] Die Deutschen Kaiser sollen dort im Mittelalter mit ihrem stattlichen Gefolge zu den Krönungen nach Aachen vorbeigezogen sein.[8] Auch zu Zeiten der großen Messen in Frankfurt, Köln und Leipzig zogen an dem Verkehrsknoten Salzburger Kopf zahllose hochbepackte Frachtwagen durch. Die Wagen waren wegen den Steigungen und der schweren Fracht oft mit 8, 10 oder sogar 12 Pferden bespannt. Wenn Steigungen oder sumpfige Wegstrecken überwunden werden mussten, standen die Westerwälder Bauern bereit, um gegen festgesetzte Entlohnung mit ihren Pferden Vorspann zu leisten. So erklärt sich auch der Pferdereichtum einiger Dörfer: 1610 gab es z.B. in Willingen 26 Pferde, in Hof 27 Pferde und in Möhrendorf auf 4 Familien 14 Pferde, in Waigandshain gab es um 1500 23 Pferde.[9] Gasthäuser am Wegesrand boten Durchreisenden und ihren Pferden Unterkunft und Verpflegung.
In der Nähe der alten Straßen, besonders an den Kreuzungen, wurden auf freiem Feld zwei oder drei Tage lang Jahrmärkte abgehalten (Emmerichenhain ab 1555, Neukirch, Driedorf 1344).[10] Dort gab es für die Westerwälder exotische Waren zu kaufen; von Kölner Händlern Feigen, Mandeln, Rosinen, Zucker, Zimt, Ingwer, Muskat, Safran, Pfeffer, Nelken, Stockfische, Bücklinge und Heringe; aus Frankfurt kamen Manufakturwaren wie Tuch, Samt und Seide.
Nach der Hoch-Zeit des Handels und der großen Kriege wurde es still auf dem Hohen Westerwald. ‚Verstummt waren der Schritt der gewaltigen Heermassen und die rohen Gesänge der Landsknechte. Verschwunden waren die hochbepackten Frachtwagen, die Viehhändler mit ihren Herden, die Kutschen der Vornehmen, die Wallfahrer mit Fahne und Kerze, die eiligen Boten, die Gaukler und Spielleute, die Hausierer und Landstreicher, auch die Räuber und Spitzbuben‘.[11]
Erst mit dem Bau der Eisenbahnlinien (1870 – 1911) und Autobahnen im 20. Jahrhundert wurden wieder Verkehrsverbindungen geschaffen, die annähernd die Bedeutung der frühen Fernstraßen erreichten. Sie lösten diese in ihrer Funktion als wichtige Verkehrsadern ab. Die Eisenbahnstrecke Herborn - Rennerod wurde am 01.10.1906 eröffnet. Die nächsten Bahnhöfe von Waigandshain aus lagen in Rennerod und Neustadt.
(Fortsetzung folgt)
[1] in: Wolfgang Gerz, Beiderseits des Breitenbachs, in: Der Westerwald, Bd. 87, Jg.1994, S. 121
[2] M. Höppner, Waigandshain im Westerwald, Bd. 1, S.20-22
[3] Schulchronik, Archiv Waigandshain, Lehrer W. Peter, S. 306
[4] Schulchronik, Archiv Waigandshain, Kurt Weyel, 1994
[5] Peter Jung, Festschrift: 650 Jahre Waigandshain, 1996, S. 33
[6] Heimatbuch Ennerich, Ennerich 1989, S.47ff
[7] Der Westerwald, ein Arbeitsbuch für den Sachunterricht, Bad Ems 1971, S. 131
[8] Der Westerwald, ein Arbeitsbuch, a.a.O., S. 214f:
[9] Peter Jung, Festschrift: 650 Jahre Waigandshain 1996, S. 20ff
[10] Gerz, Wolfgang, Lasterbacher Hefte, Märkte im Raum Rennerod, Oberrod, 1999
[11] Der Westerwald, Arbeitsbuch für den Sachunterricht, Bad Ems 1971, S. 214f und S. 35