Waigandshain ist Teil des Kirchspiels Emmerichenhain. Zusammen mit den Kirchspielen Neukirch und Marienberg bildeten diese drei die ‚Herrschaft zum Westerwald‘, die erstmals urkundlich vom Trierer Erzbischof Eberhard im Jahr 1048 erwähnt wurde, als dieser die Kirche von Haiger weihte und deren Grenzen beschrieb. Dabei wurde der Teil des Waldes, der zwischen der Nister und der Südgrenze des Haigerer Kirchensprengels lag, Westerwald genannt.[1] Erst seit der Mitte des 19. Jahrhunderts wurde die Bezeichnung Westerwald allgemein gebräuchlich für das gesamte Mittelgebirge zwischen Dill, Lahn, Rhein, Sieg und Heller, also den östlichen Nordflügel des Rheinischen Schiefergebirges, das zwischen Köln und Frankfurt gelegen ist. Seit 1786 wird der Landstrich der drei genannten Kirchspiele ‚Hoher Westerwald‘ genannt. Wir ‚hier oben‘ sind demnach der ursprüngliche Westerwald. Zum Zeitpunkt seiner Ersterwähnung war der Westerwald schon kein geschlossenes Waldgebiet mehr, sondern bereits besiedelt, nur leider existieren über die Vorzeit wenig verlässliche Quellen.
Lange Zeit war das Gebiet des (hohen) Westerwaldes, der Name lässt es vermuten, mit dichtem Wald bewachsen. Am Ende des frühen Mittelalters (etwa 950-1250 n. Chr.) herrschte in weiten Teilen Europas eine Warmzeit, in der es sich recht gut leben ließ, wodurch die Bevölkerung anstieg. Die Menschen erschlossen sich zunehmend auch unwirtlichere Gegenden als Lebensraum. Aber schon bevor der Hohe Westerwald systematisch gerodet und besiedelt wurde, lebten wahrscheinlich bereits Menschen in seinen Wäldern, was durch Einzelfunde, die aus der jüngeren Steinzeit (4000 – 2000 v. Chr.) datieren, belegt ist. Man vermutet, dass sie aus süd- und südwestlichen Gebieten einwanderten.[2] Während der Eisenzeit breitete sich die ‚Hallstattkultur‘, deren Nachkommen später von den Griechen Kelten und von den Römern Gallier genannt wurden, ab 600 vor Chr. lahnaufwärts vermehrt ins Siegerland und vereinzelt in unsere Gegend aus. Reste keltischer Siedlungen oder deren Eisenverhüttungsöfen findet man im Siegerland besonders häufig, aber vereinzelt auch im Hohen Westerwald (z.B. Steinbeile, Schuhleistenkeil, Meiselbruchstück, Armreif, aber auch ringförmige Anlagen, die auf Siedlungen hindeuten in Rennerod, Hellenhahn, Rehe/Hohenroth, Dornburg, Nisterau-Bach, Bad Marienberg).[3] Die Kelten waren zu ihrer Zeit Spezialisten in der Metallverarbeitung. Die Produktion von eisernen Pflügen und Sensen erleichterte ihnen die Bodenkultivierung. Sie lieferten Rüstungen und Waffen, aber auch kunstvolle Stoffe und Glaskunst in die europäische Welt bis ins ferne Griechenland und auf den Balkan, wohin ihre Spuren verfolgt werden konnten (mehr dazu in meinen Büchern).[4] Ab 50 v. Chr. dehnten die Römer ihr Weltreich unter Cäsar nach Norden aus. Sie drangen bis zum Rhein vor und eroberten auch einen Streifen links des Rheins, den sogenannten ‚Rhein-Westerwald‘. Der eigentlich ursprüngliche Westerwald blieb außerhalb der römischen Besatzungszone, ‚denn die Römer zogen es vor, vor ihren Grenzen eine siedlungsarme, möglichst unwegsame Wildnis zu erhalten‘.[5] Von Nord-Osten wanderten zur gleichen Zeit germanische Stämme in keltisches Gebiet ein. Die keltische, germanische und römische Kultur vermischten sich mit der Zeit. Spätestens mit der Christianisierung um 600 n. Chr. verlor die alte keltische Kultur ihre besonderen Charakteristiken (vgl. Bd. 2, Kap. Glaube). Nachdem das Weströmische Reich zerfallen war, wanderten mit den Zügen der Völkerwanderung von Osten her Chatten (Hessen) in den Westerwald ein. Möglicherweise waren sie ein germanisch-fränkischer Volksstamm. Mit ihnen begann die dichtere Besiedlung des Hohen Westerwaldes, wahrscheinlich in Nachbarschaften mit der verbliebenen keltischen Vorbevölkerung. Gegen Ende des 5. Jahrhunderts gerieten sowohl die Chatten als auch die Kelten allmählich unter die Oberhoheit der Franken, eines germanischen Stammesverband.[6]
Die dichtere Besiedlung des Westerwaldes erfolgte in mehreren Schichten: Zunächst wurden Siedlungen an flachen Hängen mit gutem Ackerboden gegründet. Ortsnamen wie Höhn, Unnau, Daaden, Haiger, Westernohe, Seck aber auch Rehe stammen aus der Anfangszeit. Ihre Namen haben keltische Vorläufer. Bis zum 6. Jahrhundert entstanden dann Landnahmen in unwegsamere Gebiete. Der Schwerpunkt der Platzauswahl fiel nun auf geographisch verkehrsgünstige Lagen an den bedeutenden Handels- und Heerstraßen auf den Hochebenen. Man erkennt die damals gegründeten Orte u.a. an den Endungen auf -ingen, -dorf, -heim, wie z.B. Kölbingen, Bellingen, Willingen. Mit der dritten Besiedlungsschicht vom 6. bis 9. Jhd. wurden die Gebiete um Flüsse und Bäche ausgebaut. Erkennbar ist diese Siedlungsphase an Namensendungen wie -hausen, -hofen, -felden, -kirch (z.B. Neukirch, Bretthausen, Dreifelden). Ursprünglich existierten dort wahrscheinlich Einzelhöfe. Nachdem unter fränkischer Planung die waldfreien Plätze besiedelt worden waren, begann man vom 10. bis 14. Jahrhundert mit der Rodung der Wälder auf dem Hohen Westerwald. Die meisten Ortschaften des Hohen Westerwaldes, auch Waigandshain, sind während dieser vierten Schicht entstanden. Erst die Rodungszeit hat das heutige Bild der Westerwälder Landschaft geprägt. In den meisten Strichen des Westerwaldes war am Ende des 14. Jahrhunderts die größte Dichtigkeit des Siedlungsgebietes erreicht.[7] Erstmals trat Waigandshain als Wigandishein am 7. Juli 1346 urkundlich verbrieft in einer Bürgschaftsurkunde, in Erscheinung[8]. Wahrscheinlich ist das Dorf aber älter. Nicht alle neu gegründeten Siedlungen im Hohen Westerwald hatten längeren Bestand. Eine große Zahl wurde wieder zu menschenleeren Wüstungen. Gründe hierfür waren verschiedener Natur (s. Bd. 1, Kap. Besiedlung). Um Waigandshain herum bestanden 4 weitere Siedlungen, die im Laufe verschiedener widriger Umstände (Wetter, Krieg, Pestilenz) bis Mitte des 17. Jahrhunderts verlassen wurden, bzw. ausstarben. Sie hießen Zahlbach, Winterum, Waldhausen und Breidenbach. Heute erinnern noch die gleichlautenden Flurnamen an sie. (s. Bd. 1).
(Fortsetzung folgt)
Quellen
[1] Der Westerwald, von Karl Anhäuser, in: https://argewe.lima-city.de/index-d.htm,
[2] Gensicke, Landesgeschichte des Westerwaldes, Wiesbaden, 1958, S. 3ff
[3] Wolfgang Gerz, Lasterbacher Hefte, Zur Vor- und Frühgeschichte des Raumes der VG Rennerod, Ausgabe 3/1994
[4] Marion Höppner, Waigandshain im Westerwald, Bd.1 u.2
[5] https://de.wikipedia.org/wiki/Westerwald#Geschichte
[6] https://de.wikipedia.org/wiki/Chatten
[7] Hellmuth Gensicke, a.a.O., S. 16ff
[8] Peter Jung, Festschrift Whain, 1996, S.10