Reges Treiben an alten Handelswegen und Heerstraßen: Überfall auf der Kreuzstraße | Aktuelle Nachrichten und Informationen

wie angekündigt präsentiere ich im Teil 3 eine Geschichte, die auf wahren Begebenheiten beruht und so von dem in Waigandshain geborenen Lehrer Paul Jung (1916-1957) in einem Heftchen für den Schulunterricht niedergeschrieben wurde.

Reges Treiben an alten Handelswegen und Heerstraßen: Überfall auf der Kreuzstraße

Der Nebel hing feucht und schwer über der Kuppe des Saalberges [Salzburger Kopf]. Die stille Straße von Hof herauf nach Salzburg knarrten und holperten schwere, mit grauen Verdecken überspannte Wagen. Man hörte Fluchen und Geschrei von Pferdeknechten, die ihre Zugtiere antrieben. Es war eine beschwerliche Fahrt.

Die alte Köln-Leipziger Straße machte es den Kaufleuten und Reisenden nicht leicht: Tiefe Löcher, eingeschnittene Geleise, Schlamm und Pfützen bedeckten sie, und die Knechte verbargen die klammen Hände in ihren weiten Kitteln. Verdrießlich stapften ein paar Kriegsleute neben dem Zuge her, die der Landesherr als Geleit mitgegeben hatte, weil unsichere Zeiten waren. Man merkte, sie wären lieber zu Hause geblieben und halfen eifrig schimpfen und fluchen.

Nur langsam kroch der Zug die Höhe hinan. Die Räder ächzten, denn die Wagen waren schwer beladen. Kostbares Kaufmannsgut: Wollene Stoffe, Geräte für den Haushalt, Salz, Getreide und tausend nützliche Dinge führten sie gut verpackt in ihrem Inneren mit sich.

Da riss für einen Augenblick der Nebel auseinander, und vor den Augen der Männer erhob sich der bewaldete Kopf des Galgenberges. Sie atmeten auf. Die Höhe war erklommen, Salzburg lag nahe, und nun begann die bequemere Abfahrt ins Tal der Nister hinunter. Die Burschen aus Hof, die Vorspann mit zwei, vier, ja sogar sechs Pferden geleistet hatten, wurden entlohnt. Sie schwangen sich auf ihre kleinen, zähen Westerwälder Pferde und verschwanden im Nebel nach Westen hin.

Es war schon Mittag, und es sollte heute noch Driedorf erreicht werden, die Stadt mit Mauer und Burg. In ihrem Schutz konnte man ruhig während der Nacht schlafen. Rüstig ging es voran. Schon tauchte voraus die Mainzer Straße auf, die Handelsstraße, die von Norden her über Siegen nach Limburg und weiter zum Süden führt. Zur Linken hoben sich aus dem Grau die Umrisse des Sichelwaldes. Sorgsam schritten die Knechte aus, schwangen sich auf den Kasten ihres Wagens und freuten sich auf die kurze Rast im Dorfe Nister.

Da brach wie ein Wirbelwind plötzlich ein Schwarm bewaffneter Reiter und Knechte aus den Büschen am Rande der Straße. Schwerter blitzten und sausten nieder. Verzweifelte Schreie erklangen, Pferde bäumten sich auf, und der Zug verwirrte sich. Tapfer wehrten sich Kaufleute und Krieger aus dem Geleit, aber die Räuber waren zu viele.

Da ließen die Knechte Wagen und Pferde im Stich und flohen, um das nackte Leben zu retten. Die Kaufleute mussten sich schmählich ergeben und wurden an Händen und Füßen gefesselt. Man ging nicht sanft mit ihnen um und warf sie schließlich wie Holzklötze auf die eigenen Wagen. Ruppige, vermummte Gesellen ergriffen die Peitschen, brachten mit Püffen und Schlägen die Pferde an ihre Plätze, und in überstürzter Eile begann eine halsbrecherische Fahrt. Am Sichelwald vorbei über Bredehuysen [Bretthausen] holperten die Frachtwagen. Die Pferde schäumten und wurden mit Fluchen und rohen Schlägen über die Höhe in das jenseitige Tal getrieben, wo die Liebenscheider Burg lag.

Hier erst klappte Herr Heinrich, Graf von Liebenscheid, der Raubritter, das Visier auf und rief lachend nach einer Kanne Wein.

Halb ohnmächtig hob man die Kaufherren von den Wagen und warf sie in das finstere Burgverließ.

Reiche Beute hatten die Räuber heimgebracht: Fünf Wagen mit kostbarer Ladung, vollgestopft bis unter die Zeltdächer und drei Kaufleute, die hohes Lösegeld zahlen mussten, wenn sie aus der Gewalt des Raubritters zu ihren Lieben heimkehren wollten. [1]

Paul Jung, der Onkel des Waigandshainer Altbürgermeisters, Ernst Theo Jung, war nach seiner Ausbildung in Usingen und seinem Kriegsdienst ab 1947 zunächst Volksschullehrer in Stein-Neukirch, bevor er mit seiner Familie 1949 nach Bad Ems zog, wo er als jüngster Rektor in Rheinland-Pfalz die Schulleiterstelle in der Freiherr-vom-Stein-Schule übernahm. In Ermangelung und Verbot von Schulbüchern nach dem zweiten Weltkrieg vermittelte er den Schülern der Volksschule die Westerwälder Heimatgeschichte in Form von selbstverfassten Alltagsgeschichten auf eine sehr kreative und lehrreiche Art, an die sich seine Schüler sicher gerne erinner(te)n.

Zum Schluss noch einige Anmerkungen zur historischen Einordnung der Geschichte:

Heinrich I von Liebenscheid, der sich als Rauritter betätigte, lebte Anfang des 14. Jahrhundert (~1307-1378). Er war ein Enkel des Grafen Otto I, der die ottonische Linie der Nassauer Grafen begründete (mehr dazu später). Nach Graf Ottos Tod, 1289, führten seine Söhne Heinrich (†1343), Emich (†1334) und Johann (†1328) die nassauische Herrschaft mit ihrer Mutter Agnes gemeinsam. 1303 teilten die Brüder ihre geerbten Lande auf. Graf Heinrich erhielt Siegen, die Ginsburg, Haiger und die Herrschaft zum Westerwald (zu der Waigandshain gehörte), Graf Emich die südlichen Nassauischen Lande (Nassau-Hadamar), Graf Johann Dillenburg, Herborn, Beilstein. Gemeinsamer Besitz blieb traditionell die Burg Nassau. Nachdem Graf Johann jung gefallen war, vereinte Bruder Heinrich (* ~ 1270, †1343) als dessen Erbe nun das Siegerland und Nassau-Dillenburg zu einer gefestigten Herrschaft. Mit seiner Ehefrau Adelheid von Heinsberg und Blankenberg (1280-1347) hatte er u.a. zwei Söhne, Otto II (1305-1351) und den besagten Heinrich I (~1307-1378). Ursprünglich sollte Otto II der Alleinerbe der nicht gerade kleinen Grafschaft Siegen – Dillenburg werden, während sein jüngerer Bruder Heinrich I traditionell zum Geistlichen (als Dompropst) ausgebildet wurde. Das gefiel diesem aber nicht. Als er als Vermittler wegen eines Steuerstreites nach Westerbug geschickt wurde, heiratete er dort, hinter dem Rücken seines Vaters, Reinhard von Westerburgs Schwester Meyna. Sein darüber erzürnter Bruder Otto II musste ihm nun einen Teil seines Erbes, die Kalenberger C(Z)ent mit Beilstein, Mengerskirchen, Meienberg, auch Liebenscheid und die drei Kirchspiele des Westerwalds (Neukirch, Marienberg, Emmerichenhain) abgeben. Heinrich I begründete damit die Linie Nassau-Beilstein. Er bezog seinen Zweitwohnsitz neben Beilstein, in Liebenscheid und ließ sich für das Örtchen von Kaiser Karl IV die Stadtrechte erteilen. Er befestigte die Stadt Liebenscheid durch eine Mauer mit 2 Türmen und umgab sie mit einem Wassergraben. Aufgrund seines recht kleinen ertragsarmen Herrschaftsgebietes steckte Heinrich I ständig in Geldschwierigkeiten. Seinen Liebenscheider Besitz musste er sogar 1344 an die ‚von Haiger‘ verpfänden. Um seinen gräflichen Lebensstandard trotzdem ausleben zu können, war er sich nicht zu schade, sich als ‚Wegelagerer‘ einen unrühmlichen Ruf bis nach Köln hin zu erwerben.[2],[3]

Liebenscheid hatte damals sogar eine eigene Burg. In der Zeit des Mittelalters bestand eine große Burgendichte in Deutschen Land. Man schätzt ihre Anzahl bis zum 16. Jahrhundert auf 25.000. Der intensive Burgenbau war mit der feudalen Organisationsform der Grundherrschaft verbunden (wird später ausgeführt). Durch fortlaufende Vererbung entstand eine territoriale Zersplitterung in kleine und kleinste Herrschaften. Fast jeder noch so kleine Edelmann leistete sich damals seine eigene, wenn auch schlichte Burg. Als Baumaterial verwendete man das in der Umgebung vorhandene Naturmaterial; die eigenen Fronsleute (Untertanen) waren billige Arbeitskräfte. Burgen dienten als Wohnstätten und gleichzeitig als Statussymbole und Machtzeichen. Sie boten aber auch realen und psychologischen Schutz, zumindest vor kleineren marodierenden (Feindes-)Banden. Nicht zuletzt wollten die Burgherren sich damit von der eigenen, abhängigen Bevölkerung distanzieren; notfalls konnte man das Tor hinter sich zusperren. Viele Burgen standen an Handelswegen, um dort die Einnahme von Wegzoll zu sichern und dafür den Straßenzwang durchzusetzen. Burgen waren somit Verwaltungsstellen des ‚Dienstadels‘, der den Großteil der Ritter und Edelknechte stellte. [4]

(Fortsetzung folgt)


[1] von Paul Jung für den Schulunterricht geschrieben, aus: Notizen von Adolf Metzler, Im oberen Nistertal des hohen Westerwaldes, Teil 1, Wallau/Taunus, 1975, S. 82

[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_I._(Nassau-Beilstein)

[3] Gensicke, Hellmuth: Landesgeschichte des Westerwaldes, Wiesbaden, 1958, S. 282 ff:

[4] https://de.wikipedia.org/wiki/Burg