Auf der ältesten erhaltenen Karte der Gemeinde Waigandshain von 1744 sind 19 Gebäude zu erkennen. Es fällt auf, dass die Bewohner ihre Häuser dicht aneinander, wie einen Rahmen, um den Ortskern gebaut hatten (hier leider nicht abbildbar, s. Peter Jung, 650 Jahre Waigandshain, 1996, S.11). Die ersten Häuser wurden in den Dörfern nach Gutdünken und in Absprache mit den Nachbarn gebaut. Später setzten sogenannte Feldgerichte die Gemarkungsgrenzen als auch die Grundstücksgrenzen innerhalb der Ortschaften durch Vermessen und Markieren fest. 1851 verfügte das Herzogtum Nassau das Anlegen von sogenannten Stockbüchern, den Vorläufern der heutigen Grundbücher.[1]
Die Häuser waren seit hunderten von Jahren im Fachwerkstil gebaut. Das Baumaterial war vorwiegend Holz, Haselnussgeflecht, Lehm und Stroh. Später kamen Steinsockel hinzu und noch später, etwa ab dem 20. Jahrhundert, wurden massive Stein- und Ziegelhäuser gebaut. Die Landesherren achteten darauf, dass das Holz im Wald geschont wurde. Die Innenwände waren mit einem Gemisch aus Kalk und Tierhaaren verputzt, die breiten Holzdielen mit Ochsenblut getränkt. Die Dächer waren mit Roggenstroh gedeckt. Zur Wetterseite hatten die alten Häuser tief heruntergezogene Dächer, die man Niederlass nannte. Sie dienten als zusätzlicher Schutz vor Kälte und Wind. Im 19. Jahrhundert stieg man nach und nach auf Schieferdächer im Sinne des Brandschutzes um. Beim Hausbau legte meist die ganze Dorfgemeinschaft Hand an. Das Typische an den alten Westerwälder Häusern war, dass Menschen, Tiere und Ernte unter einem Dach (Einfirsthaus) untergebracht waren (Wohnhaus, Scheune, Stall).
Im Wohnbereich spielte sich das Leben überwiegend in der großen Küche ab, oft der einzige beheizte Raum des Hauses. Wenn Besuch kam und zu Feiertagen heizte man auch die gute Stube. Die Schlafräume blieben kalt. Zum Heizen verwendete man Holz und Kohle, zunächst in einer offenen Feuerstelle, später im Herd mit Kochplatte. Um die Wärme im Haus zu halten, wurde man tunlichst drauf hingewiesen, die Türen stets hinter sich zu schließen. „Harr ihr dehaam Sägg vier de Diehrn“, so wurde man angepfiffen, wenn die Türe hinter einem offen stand. Lange vor unserer Zeit, als Glasscheiben teuer waren, setzte man Schweineblasen in die Fensterrahmen ein; sehr hell war es wohl nicht in den Stuben. Die Toilette, sofern vorhanden, war ein Plumpsklo, Abort genannt, das sich in meinem Geburtshaus drinnen, neben dem Kuhstall, oft aber auch außerhalb befand und dessen Abgang in eine Jauchegrube (Bruihkaud) führte, in die auch die ‚Mestebruih‘ vom Misthaufen beim Kuhstall abfloss. Einen gewissen, strengen Stallgeruch hatte man auf dem Dorf zu meiner Jugend fast überall in der Nase und war ihn gewöhnt. Die ‚eingemachten‘ Vorräte wurden im gemauerten Keller eingelagert, Kartoffeln schüttete man direkt durch zwei Luken im Fußboden, eine war für dicke, eine für ‚hiere Erbel‘, nach unten, das Heu kam in der Scheune, das Getreide ‚uff de Binn‘ (Dachboden). Dort befand sich neben dem Schornstein eine Räucherkammer, in der Schinken und Würste an Fleischerhaken aufgehängt waren.[2]
Auf einer von mir nachgezeichneten Karte aus dem Jahr 1906 sind bereits 39 Gebäude erfasst.[3] Zu diesen gehörten auch das Schulgebäude, das Backhaus und das Armenhaus. Einige Häuser waren Doppelhäuser, die von mehr als einer Familie bewohnt wurden. Im Ortskern, direkt an der Hinterfront des ‚Backes‘ angebaut, war das Spritzenhaus der Feuerwehr und davor befand sich die Viehtränke, die auch als einer von drei Löschteichen diente. Waigandshain verfügte damals über 3 Dorfbrunnen, einer unter dem Kriegerdenkmal neben dem Backhaus, einer in der heutigen Ringstraße, oberhalb von ‚Dicke Haus‘, in der Nähe von ‚Fuhrlännersch‘. In diesem Brunnen ist früher mal ein kleiner Junge ertrunken, berichtete Ernst-Theo Jung. Er kann sich noch an den dritten Brunnen Richtung Viehweide erinnern. Es waren durchweg Schachtbrunnen, aus denen das Wasser mit Eimern herausgeschöpft wurde.
Viele Dörfer des Westerwaldes fielen im Laufe der Jahrhunderte Feuersbrünsten zum Opfer. Fachwerk und Strohdächer in Verbindung mit offenen Feuerstellen und Wind verursachten die Katastrophen; Wasser und Löschgeräte waren handbetrieben und nicht so schnell verfügbar wie heute. Von Waigandshain ist mir keine dorfumfassende Brandkatastrophe bekannt geworden. Da die Bewohner abgebrannter Häuser meist vollkommen verarmt zurückblieben, richtete die nassauische Regierung in Dillenburg im Jahr 1774 eine Brandkasse ein, aus der die vom Feuer betroffenen aus einer Solidarkasse entschädigt werden konnten. Die versicherten (assecurierten) Gebäude wurden nach ihrem Wert eingeschätzt und dieser in ein Brandsteuer-Catastrum aufgenommen.[4] Im Waigandshainer Brandkataster von 1906 bis 1925 sind 34 Wohnhäuser nebst Scheunen und Stallungen aufgeführt. Ihr Versicherungswert variiert zwischen 3440 Mark (Franziska Göbel) und 38610 Mark (Wilhelm Weyl, inkl. Gaststätte), je nach Größe, Zustand und Baujahr.[5]
Anfang der 1970er wurde die Ortsdurchfahrt umgestaltet. Eine Häuserreihe (3 Häuser = Obbels Eck) in der Dorfmitte wurden abgerissen, die Straßenkrümmung dort abgemildert. An dem Platz der verschwundenen Häuser entstand eine Bushaltestelle für den Schulbus. Oberhalb des Dorfes erweiterte sich seit dieser Zeit die Schulstraße mit Neubauten, ab den 80er Jahren dehnte sich die Besiedlung nordwestlich ‚Am Hofacker‘ aus. Faktisch gibt es heute eine stärkere Bebauung, aber nicht mehr Einwohner in Waigandshain als vor über hundert Jahren. In den Häusern wohnen weniger Menschen. Auch hat sich die Zusammensetzung der Bevölkerung in den letzten Jahren verändert, junge Leute haben neu gebaut an den Dorfrändern, die verlassenen alten Häusern wurden übernommen von auswärtigen Menschen und stehen teilweise leer. Die alte Bausubstanz ist im Ortskern zwar noch vorhanden aber durch vielfaches Ausbauen, Umbauen und Neuverkleiden der Häuser leider kaum noch augenfällig. Nur wenige Waigandshainer Häuser sind in ihrer ursprünglichen Gestaltung erkennbar.
[1] Ortwin Hommel, Oberroßbach – Erlebte Geschichte, Mainz 2000, S.60f
[2] Ortwin Hommel, a.a.O., S. 60f, S. 78ff und M. Höppner, Waigandshain im Westerwald, Bd. 1, 2021, S. 45ff
[3] M. Höppner, Waigandshain im Westerwald, Bd. 1, 2021, S.55
[4] Ortwin Hommel, Oberroßbach – Erlebte Geschichte, Mainz 2000, S. 61f
[5] Blatt aus dem Brandkataster ab 1875, Archiv Waigandshain