Peter Jung hat sich zur früheren Bewohnerschaft des Dorfes in nassauischen Archiven umgetan[1]: Eine erste Liste aus 1485 belegt 5 Eigenleute, eine aus 1511 7 Vogtleute. Somit lebten damals um die 12 Familien im Ort. Gemeinsam hatten sie 23 Pferde, 72 Kühe, 19 Schafe und 21 Schweine. Unter ihnen lebten auch Rottgers Theis (Matthias) und Rottgers Henne (Heinrich) (s.u.). 1566 waren es bereits 17 Häuser mit teilweise doppelter Familienbelegung.
Schon lange vor dem 30jährigen Krieg war die Dorfbevölkerung, bedingt durch widrige Lebensbedingungen und Krankheitsepidemien, wieder rückläufig. Vom Nachbardorf Breitenbach hieß es um 1566: ‚Es ist abgegangen und ein Weib dagewest, so gen Weigendshan gezogen‘.[2] Zwischen 1569 und 1579 nahm die Häuserzahl von 16 auf 12 Häuser ab; 1614 sank die Anzahl der Haushalte auf 9 herab. ‚Der negative Bevölkerungstrend fand seinen Höhepunkt schließlich im 30-jährigen Krieg. In einer Auflistung von 1635 lesen wir über Waigandshain: 5 Häuser ausgestorben, 3 völlig verarmt‘.[3] 1637 lebten im Ort nur noch 3 Mann und eine Witwe. Es waren aber nicht alle vorherigen Einwohner gestorben. Aus Angst vor den plündernden und mordenden Soldaten, vor ansteckenden Krankheiten und aus Nahrungsmangel hatten einige Zuflucht in Städten wie Hachenburg, Herborn oder Dillenburg gesucht, andere zogen bettelnd umher oder hielten sich im Wald versteckt. Als der Kriegsdruck um 1640 etwas nachließ, kehrten ehemalige Besitzer oder deren Erben nach und nach zurück (vgl. M. Höppner, W.hainer Geschichten, Bd.1, Kap. Herrschaft, Dreißigjähriger Krieg).
1641 lebten im Dorf 4 Familien (Johann Röder, Best Jung, Johan Türck, Kilian Schneider). Sie hatten zusammen 3 Pferde, 15 Kühe, 29 Schweine. In Vorkriegszeiten gab es im Dorf im Vergleich dazu etwa 160 Rinder, 36 Pferde, 500 Schafe und 150 Schweine. Es lebten wesentlich mehr Nutztiere als Menschen in einem Dorf, wie es charakteristisch war für die landwirtschaftliche Gesellschaft dieser Kultur und Epoche. 1643 hatte Waigandshain bereits wieder 20 Einwohner: Zu 4 männlichen Haushaltsvorständen kamen wahrscheinlich 2 Ehefrauen, 11 Kinder und 3 alte Menschen.
Nach dem langen Krieg war dann eine hohe Geburtenrate zu verzeichnen. Hochzeiten fanden über die Dorfgrenzen hinweg statt. 1660 bestand Waigandshain aus 7 Familien mit 29 Angehörigen, darunter waren:
Kinder und Enkel von (dem nun verstorbenen) Johann Türck (1602 - 1647). Dieser war ein Sohn des Chun Türck (ca. 1582 - ca. 1636) und seiner Frau Crein (*um 1582). Chun und Johann waren Nachfahren des Eigenmannes Henne Rottger, der schon um 1455 in Waigandshain geboren wurde. Dessen Enkelin, Dechen Rottger (*um 1510) hatte um 1537 den Waigandshainer Vogtmann Reichel Türck (ca. 1500-1572) geheiratet.[4] Reichel und Dechen sind u.a. die 12-17fachen Ur-Großeltern der Waigandshainer Familien Haas/Oelke/Dörr, Schäfer/Uhr/Kyncl, Weyel/Reeh/Müller/Kaiser, Hild/Wiederstein/Hering, Buchner/Dölker, Schwarz/Borchert , Fuhrländer, Jung/ Hild.
Johannes Zammert (*1623) und Frau Gertrud sind genauso wie die Türcks, Vorfahren vieler heute lebender Waigandshainer, u.a. der Familien Weyel/Domurath, Reeh/Müller, Dörr, Wendel, Niermeier/Silvanus, Hommel/Haas, Höppner, Hild/Wiederstein/Hering, Weyel, Jung/Hild, Schwarz/Borchert, Schäfer/Ludolph.
Best Jung (*um 1600) und Frau Lehna sind u.a. Vorfahren von Familie Peter/Müller.
Jacob und Catharina Müllers Tochter Anna Elisabeth (*1649) heiratete 1665 Christianus Dapprich, der neu in den Ort gezogen war. Da er katholisch war, musste er zunächst den Huldigungseid ablegen. Die beiden hatten mindestens 7 Kinder und zahlreiche Nachkommen im gesamten Kirchspiel Emmerichenhain. Sie sind gleichfalls die Vorfahren vieler der bereits genannten, eingesessenen Waigandshainer, u.a. Schütz/Uhr, Niermeier/Silvanus, Schwarz/Reeh/Müller, Dörr, Wendel, Hild/Hering/Wiederstein, Ludwig, Hommel/Haas, Jung/Hild, Schwarz/Borchert, Höppner.
Diese vier Familien hatten also die Grausamkeiten des 30jährigen Krieges überlebt.
Die Zeiten bis zum 18. Jahrhundert waren wieder unruhig. Es traten weiter Pestepidemien auf (1662-1668) sowie Kriege und Flucht aus den Nachbarländern, besonders unter Ludwig XIV (u.a.: Holländischer Krieg (1672-1678), pfälzischer Krieg (1684, 1688-1697), spanischer Krieg (1683/84), Hugenottenvertreibung (1685-1730), Spanischer Erbfolgekrieg (1702–1713)). In diesen Zeiten kam es immer wieder zu Durchzügen und Plünderungen, vor allem von französischen und von einheimischen Soldaten (vgl. M. Höppner, Bd. 1. a.a.O., Kap. Herrschaft). Hin und wieder kam es sogar vor, dass Ehen zwischen Franzosen und Westerwälder/innen geschlossen wurden. Konkrete Beispiele aus Waigandshain sind mir aus dieser Zeit nicht bekannt, obwohl Marianne Schäfer, geb. Haas, mir erzählte, dass unter unseren gemeinsamen Vorfahren wahrscheinlich auch Hugenotten wären. Konkrete Namen konnte sie mir aber nicht nennen. Später wirkten möglicherweise der polnische Erbfolgekrieg (1733–1738) und der Siebenjährige Krieg (1758–1763) u.a. durch gelegentliche Einquartierungen von Besatzungstruppen auf die Bevölkerung im Hohen Westerwald ein. Trotz aller Strapazen durch Teuerungen und Abgaben, Epidemien und Hungersnöte vervierfachte sich von 1665 bis 1741 die Einwohnerzahl in Waigandshain auf 146 Menschen in 26 Haushalten. Im Verhältnis dazu gab es 170 Nutztiere (Pferde, Ochsen, Kühe, Kälber und Rinder). Danach entwickelte sich die Einwohnerzahl weiter steil nach oben: 1782 lebten in Waigandshain bereits 182 Personen. 1807 lebten dort 203 Personen in 29 Familien. 1843 zählte man die bisherige Höchstzahl mit 242 Bewohner in 62 Familien und 34 Häusern. Eine Familie war katholisch, der Rest evangelisch. Zu dieser Zeit hatte die Gemarkung Waigandshain nach Rehe und Niederroßbach mit 1609 Morgen (ca. 4 km²) die drittgrößte Fläche der Gemeinden im Kirchspiel. Nach einer Auswanderungswelle weist die Statistik im Jahr 1886 205 Einwohner in 51 Haushalten aus (102 männl., 103 weibl.), 1895 sind es 215 Einwohner in 42 Haushalten.[5]
Nach den beiden Weltkriegen ist davon auszugehen, dass die Einwohnerzahlen zunächst wegen der Kriegsverluste zurückgingen, Lücken füllten sich alsbald durch Flüchtlinge und andere Zuwanderung. Einen Einbruch erkennt man zwischen 1914 und 1931; die Waigandshainer Bevölkerung hatte sich um 26 Menschen reduziert (s. Abb). Die Veränderung direkt nach dem 2. Weltkrieg konnte ich mangels Daten nicht nachzeichnen. Jedoch gab es ab der 50er bis zu den 1970er Jahren allgemein im Westerwald und auch in Waigandshain einen auffälligen Zuzug aus den Industriestädten aufs Land. Dies ist an den lokalen Einwohnerverzeichnissen aus dieser Zeit abzulesen. (vgl. M. Höppner, a.a.O., Kap. Aus- und Einwanderung u. Kap. Gewerbe).
1996 lebten 218 Menschen in 65 Häusern. Im Dezember 2018 waren es 206 Menschen und 2020 durch Zuzug 216 Bewohner in Waigandshain.[6]
Peter Jung begründet das Einpendeln bei einer bestimmten Einwohnerzahl bis Ende des 19. Jahrhunderts mit den Ertragsmöglichkeiten der Landwirtschaft als der Haupternährungsquelle. Viel mehr als 200 Menschen konnten nicht vom Waigandshainer Gemeindeland versorgt werden. Später blieb die Einwohnerschaft auf einem ähnlichen Niveau verhaften, möglicherweise weil das Leben auf dem Dorf vielen Menschen weniger attraktiv erschien als das Stadtleben.[7]
(Fortsetzung folgt)
[1] Peter Jung, 650 Jahre Waigandshain, 1996, S.20ff
[2] Peter Jung, a.a.O., S.20
[3] Peter Jung, a.a.O., S.20
[4] Peter Jung, a.a.O., S.14
[5] Peter Jung, a.a.O., S. 22
[6] Statistisches Bundesamt, https://www.destatis.de u. Einwohnerliste VG Rennerod
[7] Peter Jung, a.a.O., S. 20 und mündliche Auskunft